Pferd angrasen – So geht beim Anweiden nichts schief!

Auf die Weide, fertig, los!

Stop. Ganz so schnell nun doch wieder nicht.

Die einen tun es bereits im Februar, der Großteil Ende März/Anfang April und wiederum andere gar nicht. Die Rede ist vom Anweiden. Warum Anweiden so wichtig ist und weshalb man die Zeit bis zum ersten Koppelgang nicht überstürzen sollte, erfahrt ihr im heutigen Blogbeitrag.

Anweiden mag für so manch Pferdebesitzer nicht groß geschrieben werden und fällt schnell in die Rubrik „unnötig und zeitaufwändig“. Gerade zur jetzigen Corona-Krise und der ohnehin schon begrenzten Aufenthaltsdauer in den Stallungen und Reitbetrieben, mag das für den ein oder anderen Pferdebesitzer hinten angestellt werden. Die Quittung kommt spätestens mit der ersten Kolik – und das ist noch glimpfig.

Je nachdem, wie lange der Winter war und wie gut die Weiden im Vorfeld auf die Saison vorbereitet wurden, beginnt der Start des Anweidens meist zwischen März und Mai. Für jeden Pferdeorganismus ist dies der Beginn einer Umstellung. Lässt man sein Pferd von heute auf morgen von den Winterpaddocks auf die Graskoppeln, kann das schnell nach hinten los gehen. Der Winter ohne Koppelgang ist in etwa für Pferde, wie für uns eine Diät mit Verzicht auf jegliche Pizza oder Sahnetorte. Weiden wir unsere Pferde nicht richtig an, servieren wir ihnen die Pizza mit Sahnetorte zum Nachtisch, in Endlosschleife – nur eben in Form von Gras. Mit dem erneuten Anweiden im Frühjahr muss sich der Pferdeorganismus samt empfindlicher Darmflora auf das neue Futterangebot umstellen.

 

Falsches Anweiden kann böse enden.

Im Frühjahr ist das Weidegras zwar noch relativ nährstoffarm, dafür aber umso reicher an Eiweißen und Kohlenhydraten, so beispielsweise Fruktane, welche sich vorwiegend in kurzem Gras speichern. Geht der Übergang von rohfaser- und eiweißarmer Ernährung auf eine rohfaserarme, aber eiweißreiche Ernährung – wie in unserem Fall Gras – zu schnell, bekommt die Darmflora Probleme.

Ganz vereinfacht erklärt, sind an der Verdauung der beiden Arten von Futter unterschiedliche Bakterien zu Gange. Sterben plötzlich zu viele Bakterien der einen Sorte, weil sie keine Nahrung mehr bekommen, kann die Darmflora kippen. Bei einer erhöhten Aufnahme von Fruktanen –  also Fruchtzucker, kommt es im Darmmilieu zu einer Übersäuerung. Vorstellen kann man sich diesen Vorgang so: Steigt die Tendenz einer Übersäuerung im Darmmilieu, sterben die nützlichen Darmbakterien ab. Gerade diese Darmbakterien haben sich über die Winterzeit ohne Koppelgang und frischem Gras angesiedelt und sorgen dafür, das gesunde Darmmilieu aufrecht zu erhalten. Sterben diese Helferlein ab, werden Giftstoffe freigesetzt, die vom Blut aufgenommen werden und kleinste Gerinnsel bilden, welche die Gefäße schädigen können. Wer den Begriff der Hufrehe kennt und mit den potentiellen Gefahren und Folgen vertraut ist, kann sich ein Bild der möglichen Folgen machen. Gerade der Huf eines Pferdes ist gebildet von kleinsten Gefäßen. Im besten Fall hat das Kippen des Darmmilieus Kotwasser und Durchfall zur Folge. Besonders böse kann es mit Koliken und im schlimmsten Falle Vergiftungen und Hufrehe enden. So weit darf es natürlich nicht kommen. Die Lösung? Richtiges Anweiden!

 

Nicht auf nüchternen Magen.

Besonders zu Beginn des Anweidens ist es wichtig, dass Pferde nicht auf nüchternen Magen auf die Weide gehen oder an der Hand angegrast werden. Vorab empfiehlt es sich daher, eine gute Ration an Rohfasern, sprich Heu zu füttern. Ideal ist es natürlich, wenn die Pferde auf den Winterpaddocks Heuraufen stehen haben, Heu ad lib fressen können und demnach bereits vor dem Angrasen auf den Paddocks stehen. So ist das Pferd zum einen schon etwas gesättigt und zum anderen stürzt es sich nicht zu sehr auf das frische Gras. Viel mehr aber noch lässt sich das Weidegras im Dünndarm besser verarbeiten, wenn bereits eine Menge an Rohfasern im Verdauungstrakt vorhanden ist.

 

„Dann am besten gleich früh Morgens!“

Nicht ganz. Die wenigsten Pferdebesitzer wissen, dass nicht nur die Dauer des Anweidens von Bedeutung ist, sondern auch das Wetter und der Tageszeitpunkt. Das mag für den ein oder anderen übertrieben klingen und den Begriff der „Helikoptermuttis“ zum Vorschein rufen, das lässt sich jedoch schnell aus dem Weg räumen:

Stellen wir uns wieder vor, wir befinden uns in einer Diät. Dieses Mal dreht es sich jedoch nicht um Darmmilieus, sondern das Gras selbst. Befinden wir uns in einer Diät, speichert der Körper ab einem gewissen Punkt Energie für Reserven ein. So handhaben es auch die Pflanzen. Problematisch ist hierbei Gras, das sich vom Frühjahr bis zum Herbst nicht in der Wachstumsphase befindet. Wächst das Gras nicht, speichert es die Energie ein, die es eigentlich durch die Photosynthese bildet. Keine Sorge, nun folgt kein Biologie- und Biochemie-Exkurs. Die Energie, die das Gras einspeichert, wird unter anderem durch Fruktane gewonnen – Der Kreis schließt sich so langsam.

Begünstigt wird die Energiespeicherung durch sonnige und warme Tage. Bekommt das Gras mehr Sonnenstrahlung ab, als es für das Wachstum benötigt, lagert es die überschüssige Energie ein und reichert den Gehalt an Fruktanen an. Gleiches gilt übrigens auch bei Trockenheit: kein Wachstum.
„Na, dann gleich ganz früh morgens!“: Nein. Es bedeutet im Umkehrschluss nicht, am besten gleich früh morgens angrasen zu gehen, wenn die Sonne noch nicht so sehr strahlt: Ist der Boden morgens frostig, lagert auch hier das Gras Energie ein, denn es ist schlichtweg zu kalt zum Wachsen.

Ein mildes, bedecktes Wetter ist ideal, um einen hohen Fruktangehalt zu umgehen und die Pferde auf die Weidesaison vorzubereiten.

14 Tage +

Der Großteil der Pferdebesitzer weiß, dass das Anweiden nur langsam und Schritt für Schritt erfolgen sollte.
Bis man die Pferde guten Gewissens auf die saftige Wiese lässt, sollten zwischen vier und sechs Wochen vergangen sein. Die gesunde Darmflora eines Pferdes benötigt mindestens 14 Tage bis vier Wochen, um sich einem Futterwechsel anzupassen und darauf einzustellen. Das Anweiden sollte daher recht langsam stattfinden und von Tag zu Tag in der Dauer gesteigert werden, täglich jedoch nicht länger als 15 Minuten. Es empfiehlt sich mit 10 Minuten am Tag zu beginnen. Nach hinten raus sind natürlich keine Grenzen gesetzt.

Wie ihr das Angrasen letztendlich gestaltet, hängt natürlich von euren Pferden und den Gegebenheiten am Stall ab, manche Pferde sind eher unkompliziert und weniger sensibel als andere.

Zusammengefasst solltet ihr vor jedem Gang zum Angrasen Heu gefüttert haben, kurzes Gras vermeiden, ein schattiges Plätzchen suchen, die Dauer langsam über 4 Wochen hinweg steigern und natürlich auf die Signale eurer Pferde achten.

Wie geht ihr beim Anweiden vor und habt ihr noch weitere Tipps oder Erfahrungen?
Übrigens: über unsere App könnt ihr euch eine Notiz schreiben, an welchem Tag und wie lange ihr euer Pferd angegrast habt – besonders interessant ist das ebenfalls, wenn euch eure Reitbeteiligung an manchen Tagen vertritt. So könnt ihr untereinander die Informationen miteinander teilen.

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